DOKUMENTATION 2001

Dynamik ohne Ende beherrscht das E-Business und sämtliche CyberOne-Teilnehmer - ein Überblick über einige Shortlist-Kandidaten von 1999 und 2000

Von Aufsteigern, Absteigern, Königswegen und Trampelpfaden


Zwei Unternehmen haben schon Börsengänge hinter sich, manche sind auf dem Weg zum Neuen Markt oder planen ihn, andere sind aus dem Handelsregister verschwunden. Die Entwicklungen der CyberOne-Teilnehmer, die bei den ersten beiden Ausschreibungen jeweils unter die ersten zehn kamen, sind sehr unterschiedlich verlaufen und spiegeln auch die Situation der New Economy. Fast allen gemeinsam ist aber eine klare Ausrichtung aufs E-Business, Expansion und eine enorme Beschleunigung der Unternehmensentwicklung.

Fast schon am Neuen Markt notiert war im Herbst 2000 die Stuttgarter abaXX AG, Erstplatzierte des CyberOne 2000. In quasi letzter Minute verschob der Vorstand den Börsengang, weil sich das Klima für Neuemissionen im Lauf des Jahres doch nachhaltig verschlechtert hatte. "Es braucht Zeit, bis die Anleger wieder Vertrauen zu jungen Unternehmen fassen", sagt Vorstandschef Albert Jürgen Enders, "doch bis Ende 2001 wollen wir die Gewinnzone erreichen." Den Umsatz von 2000 - 15,8 Millionen Euro - müssen die Stuttgarter dazu verdoppeln.

Nicht nur Börsenklima und Konjunktur, sondern auch die Einschätzung von Portalen und Marktplätzen im Internet hat sich in den letzten sechs Monaten verändert. Jetzt wollen viele potenzielle Kunden abwarten, wie über die Internet-Marktplätze Einkauf und Verkauf tatsächlich abgewickelt werden. Zwar bleiben B2B-Transaktionen nach wie vor interessant. Experten erwarten aber, dass sich viele Unternehmen auf die Anbindung eigener Lieferanten mit beispielsweise privaten Marktplätzen konzentrieren und erst danach auf die öffentlichen Marktplätze streben werden.

Auf Börsenkurse wirken sich Stimmungen und Neuorientierungen am Markt wesentlich stärker aus als aufs tatsächliche Geschäft. Das zeigt sich bei der Heiler Software AG, deren Kurs nach der Emission Ende letzten Jahres zeitweise über zwölf Euro erreichte, nun aber weit darunter pendelt. Die Kunden setzen aber weiterhin auf B2B-Lösungen. "Wir haben unsere Unternehmensstrategie weiterentwickelt und uns neu positioniert," kommentiert Rolf J. Heiler den jüngsten Stand der Dinge. Heiler - 1999 auf Platz drei - bietet elektronische Kataloge im SAP-Umfeld sowie Beschaffungslösungen für Finanzdienst- leister und Industrie. Im laufenden Jahr wird Heiler mit seinen über 110 Mitarbeitern wohl noch Verluste von rund vier Millionen Euro ausweisen. Angesichts eines Kassenstandes von über 25 Millionen Euro und einem guten Kundenportfolio erwächst daraus noch kein Problem. Ob sich Heiler ab und zu wehmütig an die Zeiten erinnert, in denen sein Unternehmen mit guten Gewinnen als mittelständischer Lösungsanbieter weder Verluste noch Finanzierungsfragen kannte? "Nein, das war eine andere Welt. Jetzt gestalten wir die Geschäftsprozesse der Zukunft." Sicher ist jedenfalls, dass kein Weg mehr zurück führt.

Ebenfalls am Neuen Markt notiert ist seit Mitte letzten Jahres die CAA AG in Filderstadt. 1999 war der Softwarespezialist für den Automobilbereich beim CyberOne auf dem zweiten Platz gelandet. Dem folgten Risikokapitalbeteiligung und Expansion auf inzwischen 160 Mitarbeiter. Trotz Baisse am Neuen Markt blieb der CAA-Kurs bis Februar dieses Jahres recht stabil bei rund 30 Euro, bis deutlich nach unten korrigierte Umsatz- erwartungen zu starken Kurseinbußen führten. Die Gründer Hans-Peter Schmidt und Gabriele Müller haben sich inzwischen aus dem Vorstand zurückgezogen. Das Unternehmen wird jetzt von Roland Ebner geführt, der vor fünf Monaten von Siemens zu CAA stieß.

Neben Eigenkapital und Börsengängen war der CyberOne für Preisträger und Teilnehmer noch für weiteres gut: zum Beispiel für Partnerschaften, Vertriebswege und Kontakte, die den Unternehmen im normalen Geschäftsgang wohl kaum möglich gewesen wären. Der Sieger von 1999, die IN MEDIAS RES GmbH beispielsweise, angelte sich den Mega-Partner Deutsche Telekom. Die bietet die 1999 mit Platz 1 ausgezeichnete NET900-Lösung unter dem Namen click&pay an. Nutzer bezahlen damit ihre digitalen Einkäufe per Telefonrechnung oder elektronischem Lastschriftverfahren. Bis Ende 2001 soll NET900 inter- nationalisiert und in der gesamten EU, in der Schweiz und Norwegen angeboten werden. IN MEDIAS RES beschäftigt rund 40 Mitarbeiter. An die Börse will man vorläufig nicht.

Nicht so eilig mit "going public" hat es auch die EGISYS AG, die im Vorjahr mit ihrer 3D-Visualisierungs-Software Platz 3 erreicht hatte. Inzwischen besitzen die Tübinger Niederlassungen in Indonesien und Kalifornien und beschäftigen über 80 Mitarbeiter. Die Expansionskosten werden mit Risikokapital von Fonds aus Tübingen, Bonn und Saarbrücken gedeckt. "Wir wollen mit neuen Produkten und strategischen Partnern neue Standards für Web-3D und 3D-Animationen setzen," nennt EGISYS-Chef Wolfgang Eichner seine Ziele für 2001.

Die Grau Data Storage AG in Schwäbisch Gmünd, 2000 auf Platz 2, hat den Börsengang zumindest im Visier: Fürs Jahr 2003 sei er geplant, so ist zu hören. Seit der Wettbewerbsteilnahme haben die Webspeicher-Spezialisten, die sich als ASP-Enabler positionieren, Umsatz und Mitarbeiterzahl mehr als verdoppelt sowie eine Reihe von Vertriebspartnern gewonnen.

Heftig entwickelt haben sich aber keineswegs nur die sechs Firmen, die bei den ersten beiden CyberOne-Wettbewerben auf dem Siegertreppchen standen. Carsten Kappler, der 1999 mit der Internet-Community Click-City unter die ersten zehn kam, ist inzwischen an anderer Front aktiv. In der Web-Gemeinde kann zwar noch geclickt und gechattet werden, als Geschäftsmodell dient Click-City aber nicht mehr. Kappler gründete eine neue Firma, die Onventis GmbH, ein Unternehmen für Beschaffungs- dienstleistungen. Dort leitet er die Software-Entwicklung und hat in sein Angebot die E-Procurement-Lösung von Heiler Software aufgenommen. Finanziert wird Onventis von 3i und der SAP Venture, die sich bereits bei Click-City engagiert hatte.

Neben den Königswegen - Risikokapital und internationale Expansion - existieren auch Trampelpfade, die durchaus erfolgreich beschritten werden. Der Viertplatzierte von 1999, das Unternehmen Six Offene Systeme, hat seinen damaligen Wettbewerbsbeitrag XiQu - eine Lösung für Online-Börseninfodienste - inzwischen verkauft. Das kurz nach dem CyberOne gegründete Unternehmen XiQu bot Anlegern Adhoc- und Investor-Relations-Meldungen von börsennotierten Firmen via Internet an. Zunächst stieg Six als XiQu-Gesellschafter aus und die Börse Stuttgart - der CyberOne-Hauptsponsor firmiert heute unter boerse-stuttgart.de - erwarb die Mehrheit am Unternehmen. Kürzlich stiegen die vier Makler der Börse als Gesellschafter mit ein.

Ralph Kissner, der Chef von Six Offene Systeme, hatte nach dem CyberOne 1999 eine bewusst langsamere Gangart eingeschlagen. Eine Kapitalbeteiligung von Fonds wollte er nicht. "Unabhängig bleiben" hieß die Devise. Heute bietet Six weitere Internet-Software-Produkte und -Services an und hat beispielsweise die Websites vom Land Baden-Württemberg sowie der MFG Medien- und Filmgesellschaft des Landes neu strukturiert. Die Mitarbeiterzahl hat Six von 21 auf 36 aufgestockt, den Umsatz 2000 um 80 Prozent gesteigert. Heute kann sich die Geschäftsführung durchaus eine Beteiligung eines Kapitalgebers vorstellen. Man lernt nie aus.

Abgestiegen aus dem Kreis ambitionierter Börsenanwärter ist endgültig die Cyland AG aus Karlsruhe. Sie hat im Januar 2001 Konkurs angemeldet. Eberhard Dollinger sah sein Unternehmen fast über dem Berg und hält das Produkt, mit dem Kunden auf Websites in Echtzeit angesprochen werden können, immer noch für gut. Aber für die drei Millionen Mark Kapitalbedarf des Unternehmens fanden sich keine Geldgeber mehr.

Man sieht, der CyberOne hat vieles in Bewegung gebracht: Entwicklern, Gründern und jungen Unternehmen hat der Wettbewerb die Möglichkeit eröffnet, schnell zu expandieren und damit Marktchancen voll zu nutzen. Ebenso bietet er eine Plattform, die Innovationen und Unternehmen in den Blick der Öffentlichkeit rückt. In der Summe haben die ersten beiden Ausschreibungen des CyberOne zu 100 Millionen Mark Kapital und über 400 neuen Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg geführt - viel versprechende Perspektiven für die Teilnehmer 2001.


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