Frage:
Herr Harms, bei der Gründung von bwcon vor fünf Jahren standen Ziele wie eine elektronische Gemeinschaft im Land aufbauen und elektronische Anwendungen fördern im Vordergrund. Hat der Verein seinen Zweck erfüllt?
Harms:
Ja und nein. Ja insofern, als vieles, was die gut 30 Gründungsmitglieder wollten, heute selbstverständlich geworden ist, vor allem die Nutzung des Internet. Das war damals ein "wake-up call" der Wirtschaft, denn so mancher lag noch im Schlummerschlaf. Heute sieht die Welt anders aus. Der Verein ist gewachsen, wird professionell geführt und dreht ein ganz ordentliches Rad (siehe Kasten). Außerdem nutzt heute mehr als die Hälfte aller Baden-Württemberger das Internet und wir liegen damit schon deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Bis Ende 2003 wollen wir das auf 60 Prozent steigern.
Frage:
Wo liegt dann angesichts Ihrer Erfolgsbilanz das Nein begründet?
Harms:
Wir sind noch nicht fertig. Für eine stärkere globale Wettbewerbsfähigkeit von Baden-Württemberg muss die Digitalisierung der Wirtschaft schneller Fortschritte machen, vor allem beim Mittelstand und kleinen Unternehmen. Das vernetzte E-Business ist erst im Entstehen. Die Vernetzung zwischen den Anwendern in der klassischen Industrie und den Technologie-Lieferanten muss intensiver werden, die Nutzung digitaler Verfahren messbar steigen.
Frage:
Spüren Sie Berührungsängste zwischen diesen "Soll"-Partnern?
Harms:
Berührungsängste sind es hoffentlich nicht. Aber die Hersteller sind mit Funktionalitäten und Service - oft auch mit ihrer Sprache und ihrem Stil - nicht unbedingt auf den Mittelstand und kleine Unternehmen eingestellt. Den Anwendern wiederum fehlt manchmal noch die Einsicht, dass Wettbewerbsfähigkeit nur mit neuen Technologien möglich ist, und manchmal fehlt auch das Vertrauen in neue Lösungen.
Frage:
Hören wir hier bereits die Richtung Ihres nächsten "wake-up calls"?
Harms:
Nein, das wäre fehl am Platze. Ich behaupte ja nicht, dass hier geschlafen würde. Es geht eher um Kommunikation und Dialog. Anwender und Hersteller sprechen noch nicht genügend miteinander. Zu den ganz wichtigen Aktivitäten von bwcon gehören deshalb die Begegnungsplattformen. Es ist ein entscheidendes Verdienst unserer Initiative, dass die IT-Branche sich wesentlich intensiver als je zuvor trifft und natürlich auch mit den Anwendern redet. Dafür können wir weiterhin Pionierarbeit leisten.
Frage:
Was geschieht in Zukunft mit ihren bisherigen Aktivitäten wie dem Business-Plan-Wettbewerb CyberOne?
Harms:
Die Schwerpunkte unserer Tätigkeit - und dazu gehört die Ausschreibung des CyberOne Award - sind im Grunde Förderaktivitäten. Innovationen werden beschleunigt, junge Unternehmen erhalten fachliches Know-how, Management-Unterstützung, Gründerberatung und auch Geld. Dabei hilft uns unser Experten-Netzwerk, das wir weiter aufbauen, sowie die Workshop-Angebote. Natürlich nehmen wir uns für die kommenden Jahre Neues vor. Im Sinne einer breiter angelegten Offensive für einen zukunftsträchtigen Wirtschaftsstandort weiten wir unsere Arbeit aus. So übernehmen wir wichtige Aufgaben beim Aufbau des Clusters Unternehmenssoftware in Baden-Württemberg. Dies ist Teil unserer Zusammenarbeit mit der Landesregierung im Rahmen des Beratungsforums Informationstechnologie, Telekommunikation, und Software (bits). Dort sind viele bwcon-Mitglieder vertreten und - genau betrachtet - ist das eine Fortsetzung unserer Arbeit auf anderer Ebene.
Frage:
Warum dann zweimal das Gleiche?
Harms:
Das stimmt wiederum nicht. bits ist ein von der Landesregierung initiiertes Beratungsgremium mit einer Doppelspitze von Staatsminister Dr. Palmer und mir. bwcon dagegen führt eine ganze Reihe konkreter Projekte durch, ist ein rein privater Verein. Unsere strategische Charta und unsere Maßnahmen werden von unseren Mitgliedern bestimmt.
Frage:
Inzwischen hat Ihr Verein 340 Mitglieder. Wie groß will bwcon werden?
Harms:
Eine Obergrenze haben wir nicht definiert. Im Gegenteil: Um den Verein auch in einer größeren Dimension effizient zu leiten, hat die Mitgliederversammlung den Vorstand stark erweitert, um die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Die IT-Branche wächst weiter und immer neue Firmen kommen hinzu. Wenn sich bwcon weiterhin die Sache der innovativen Technologieunternehmen zu Eigen macht, die Services für Mitglieder ausbaut und auch mit Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit die Brancheninteressen vertritt, bleiben wir für neue Mitglieder attraktiv. Insbesondere gilt das für neu entstehende Technologiebranchen. Wir werden uns in Zukunft sicher auch verstärkt um angrenzende Bereiche kümmern, wie beispielsweise die Biotechnologie oder die Bioinformatik. Die IT-basierten Technologien konvergieren hier und diese Branche hat ähnliche Anforderungen an Förderung, Vernetzung und Unterstützung wie die IT-Firmen.
Frage:
Der Begriff Konvergenz wird viel bemüht. Ist es nicht einfach so, dass die Bio- und Life-Science-Themen dabei sind, die nächste Hype-Welle auszulösen?
Harms:
Von Hype sind wir nun wirklich alle hinlänglich geheilt. Hinter den Biotech-Disziplinen steckt weithin intelligente Software. Das fällt mit den Themen IT und insbesondere Internet zusammen, was sich zum Beispiel auch daran zeigt, dass der CyberOne-Förderpreis für das innovativste Gründerprojekt in diesem Jahr an ein Unternehmen geht, das eine Software für Biotechnologiefirmen entwickelt hat. Deshalb ist Software das bwcon-Thema, einfach das Thema der nächsten Jahre. Wir wollen helfen, dass die Aktivitäten des Landes zur Unterstützung der Software-Branche in die richtige Richtung gehen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit als Standort zu erhalten. Denn Software wird die Wertschöpfungstechnologie des 21. Jahrhunderts.