Das Jahr 2002 hat mit insgesamt recht bescheidenen wirtschaftlichen Erwartungen begonnen. Inzwischen glauben viele, dass eine Wende zumindest in Sicht ist. Ebenso wie der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) setzen auch zwei Drittel der Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien auf eine leichte Erholung bei Produktion und Umsatz. Der positive Trend ist aber noch längst nicht stabil. Mit Fantasie und Engagement ist dennoch Wachstum möglich. Viel versprechende Perspektiven ergeben sich beispielsweise in Osteuropa sowie auf den Feldern Telekommunikation, Mobile Computing, Unternehmenssoftware und IT-Integration.
Vor dem Hintergrund einer langsameren Wirtschaftsentwicklung liegt es nahe, sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen. Dabei fallen zwei Perspektiven ins Auge: Neue Märkte in Ländern mit Ent-wicklungspotenzial erschließen sowie die Dynamik und Nachfrage nutzen, die von Innovationen, beziehungsweise neuen Technologien ausgelöst werden. Beides gehört zusammen und Beispiele zeigen, wo auch Unternehmen aus Deutschland Potenziale nutzen können.
Chance Osteuropa
Neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen sich in Europa insbesondere durch die Osterweiterung der EU. Die Schaffung eines homogenen Wirtschaftsraumes schafft der europäischen Wirtschaft einmalige Möglichkeiten, ihre Stellung im globalen Wettbewerb zu festigen. Die EU selber fördert die Osterweiterung bis zum Jahr 2006 mit rund 40 Milliarden Euro. Diese Unterstützung, zusammen mit einer wirksamen Regionalpolitik in den Grenzregionen und einer Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, wird Europa eine neue wirtschaftliche Dynamik verleihen. Im Kern kommt es allerdings auf die Unternehmen, ihre Investitionsbereitschaft und ihre vielfältigen Kooperationen und grenzüberschreitenden Initiativen an, um den größeren EU-Wirtschaftsraum zu gestalten. Denn nur mit privatem Kapital ist ein schneller Aufbau der Infrastrukturen - zum Beispiel für Telekommunikation, Energie oder Verkehr - möglich.
Hohe Akzeptanz neuer Technik
Gerade Technologiefirmen treffen in den osteuropäischen Ländern auf eine Bevölkerung, die neuen technischen Angeboten sehr aufgeschlossen gegenübersteht: In Ungarn verfügten beispielsweise Mitte 2001 knapp 35 Prozent der Einwohner über einen mobilen Telefonanschluss und im Jahr 2000 wuchs der Internetmarkt um 54 Prozent und führte damit das Wachstum im Telekom-Sektor an. Damit sind zwar noch keine westeuropäischen Verhältnisse erreicht - hier liegt die Marktdurchdringung mit Handys bei etwa 77 Prozent - aber es ist reichlich Raum für Wachstum gegeben. Der ungarische Staat unterstützt den Aufbau einer starken Technologiebranche durch Liberalisierungen etwa bei Datendiensten, Mobilfunk und Festnetz. Inzwischen erweist sich die ungarische Elektroindustrie als ernst zu nehmender Wettbewerber. Insgesamt geht ein Drittel ihrer Elektroexporte nach Deutschland. Im ersten Halbjahr 2001 betrug der Warenwert fast zwei Milliarden Euro, was einer Steigerung gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum von über 25 Prozent entspricht.
UMTS bis zum Ural
Das Beispiel Ungarn ist kein Einzelfall. Auch andere osteuropäische Länder setzen voll auf den Ausbau der technologischen Infrastruktur. In Polen läuft die Modernisierung von Festnetz und Mobilfunk auf Hochtouren. So wird das Festnetz zu-nehmend digitalisiert, die Glasfaserverkabelung forciert und bei Privatkunden finden drahtlose Telefone (30 Prozent Marktanteil) und Handys - über 21 Prozent der Bevölkerung haben einen Mobilanschluss - reges Interesse. Selbst Länder, die nicht zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten zählen, investieren stark in Informations- und Telekommunikationstechnik. Die Ukraine strebt beispielsweise die Einführung des GPRS-Mobilfunkstandards an und in Russland arbeitet das Telekommunikationsministerium bereits an den Voraussetzungen für die Einführung von UMTS.
Wachstum mit mobiler Zukunft
Zur Dynamik, die von der technischen Vernetzung Europas ausgelöst wird, kommen die Wachstumsimpulse durch Innovationen bei Geräten und Software hinzu. Auf der letzten Unternehmerreise im November 2001 konnten sich Mitglieder von Baden-Württemberg: Connected in Finnland einen nachhaltigen Eindruck von den Zukunftschancen machen, die im Mobilfunk stecken. Unter anderem bei Nokia, Siemens und Hewlett-Packard wurden der Delegation Kommunikationsvisionen und Gerätestudien vorgestellt, die weit ins 21. Jahrhundert weisen. Schnellster Datenaustausch, Datenverbindung mit Verfügbarkeitswerten wie im Telefonverkehr und Mobiltelefone, die sich zu mobilen Terminals wandeln, präsentierten die
Ingenieure den Gästen.
Büro und Freizeit mobil
Der Besuch in Finnland zeigte deutlich, dass moderne Technologien ganz neue Möglichkeiten für eine flexible und mobile Arbeits- und Freizeitwelt eröffnen. Schon heute kann mit Smartphones beispielsweise von Nokia oder Ericsson nicht nur mobil telefoniert, sondern auch im Internet gesurft werden. Zudem ergänzen
verschiedene Termin- und Kalenderfunktionen diese Geräte. Personal Digital Assistants (PDAs) rollen das Leistungsspektrum von der anderen Seite auf: Hier bestimmen Groupware-Funktionen - E-Mail, Kalender, Aufgaben - sowie immer mehr Firmenanwendungen das Leistungsspektrum. Große Unternehmen wie DaimlerChrysler und die Deutsche Bank und zunehmend mittelständische Betriebe nutzen diese "Sakkorechner". Sie können ihren Kunden so beste Services vor Ort bieten und zugleich ihren mobilen Mitarbeitern umfangreiche Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten. In der Freizeit bestechen die neuen Geräte und Netze mit Multimedia-Kurznachrichten (Multimedia Messaging Service, MMS) und Stereoempfang. Die Konvergenz von Mobiltelefonen und -rechnern sowie die Mobilisierung vieler beruflicher und Freizeittätigkeiten öffnen völlig neue Märkte.
IT-Effizienz steigern
Parallel zu den neuen Wachstumschancen bieten auch die bestehenden IT-Infrastrukturen Möglichkeiten für wachsendes Geschäft. Bei der installierten Basis liegt 2002 der Fokus auf der Optimierung der Systeme - Integration ist das große Motto. Das heißt, Standardisierung und Harmonisierung der Komponenten, Schnittstellen-Reduktion sowie die Verbesserung der Web-Fähigkeit. Wer hier intelligente Lösungen anbietet, hat auch auf diesem klassischen IT-Geschäftsfeld gute Karten. Denn die Produktivität der installierten Systeme - zum Beispiel durch Integration mit dem Web und über das Web - ist bei fast allen Anwender-Unternehmen das zentrale Thema. Denn weiterhin wird der IT-Markt von der Frage bestimmt, wie sich mit Informations- und Kommunikationstechnik die Geschäftsprozesse optimal unterstützen lassen, der Umsatz gesteigert und gleichzeitig die Kosten gesenkt werden können. Bieten IT-Projekte diese Perspektive und ist der Return-on-Investment kalkulierbar, so ergeben sich weiterhin gute Umsatzchancen. Zu den Favoriten gehören interessante Neuerungen bei Unternehmenssoftware, so insbesondere bei Portalanwendungen in den Bereichen Supplier Relationship Management (SRM) und Customer Relationship Management (CRM). Organisation von Zulieferern und Zulieferer-Verbünden sowie der Themenkreis Kundenbindung wird zum einen immer wichtiger und zum anderen Schritt für Schritt digitalisiert: ein klarer Hinweis darauf, dass hier immer noch wesentliche Produktivitätsreserven schlummern, die insbesondere mit Hilfe moderner EAI-(Enterprise Application Integration)-Technologien gehoben werden können. Fazit: Die weitere Digitalisierung der Wertschöpfungskette, komplexe Systemintegrationen, vielfältige neue Technologien und aufnahmebereite Märkte in Osteuropa bieten im Jahr 2002 wichtige Voraussetzungen für ein Anziehen der Konjunktur im gesamten ITK-Bereich.
Dr. Thomas Gumsheimer
Vorstand GFT Technologies AG
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