Das weltweit erste Testkit zur Differenzierung von Tumorzellen

Trend in der Krebsforschung und damit auch der BioTech-Branche ist die personalisierte und zielgerichtete Therapie (targeted therapy).

Dabei werden mit Biomarkern Patienten identifiziert, die von ganz bestimmten Therapien profitieren. Bis jetzt bekommen Patienten zunächst meistens noch eine Chemotherapie, die auch gesunde Zellen angreift. Georg Gdynia ist Pathologe am Uniklinikum Heidelberg und unter anderem Leiter des Ausgründungsprojekts EnFin, welches über den eXist-Forschungstransfer gefördert wird.

Er nutzt ein Prinzip, das in einem anderen Fach der Medizin längst einen Siegeszug gehalten hat: pathogene Bakterien werden danach eingeteilt, ob sie mit Sauerstoff (aerob) oder ohne (anaerob) wachsen können, so kann unter anderem die Wahl der richtigen Antibiotika erfolgen. Das fünfköpfige, multidisziplinäre Kernteam von EnFin entwickelte einen funktionellen Test, der die mögliche Bildung von Metastasen vorhersagen kann. Er sagt voraus, wie aggressiv die Krankheit verlaufen wird und wie der spezielle, von der Gruppe untersuchte Leukämie-Typ auf neue, personalisierte Therapieformen anspricht.

Kern des Tests ist die Unterscheidung zwischen anaeroben oder aeroben Zellen.
Bei der Leukämie ist das Vorhandensein anaerober Tumorzellen im Blut ein Indikator dafür, dass Patienten gut auf eine zielgerichtete Therapie ansprechen. Hintergrund ist der, dass Tumorzellen unter Sauerstoffentzug gegenüber einer herkömmlichen Chemotherapie resistent sind und Tumorpatienten, die viele dieser Zellen haben, somit keine Standardtherapie erhalten sollten. Im Labor von Dr. Gdynia werden die im Blut enthaltenen Tumorzellen mit oder ohne Sauerstoff kultiviert, aufgeschlossen und es werden bestimmte Enzymaktivitäten zum Abbau des Zuckers bestimmt. Aus dem Verhältnis der Enzymaktivitäten kann abgelesen werden, ob die Zellen unter Sauerstoffentzug wachsen und damit eben anaerob oder aerob sind und ob ein Einsatz zielgerichteter, teurer Medikamente sinnvoll ist.

Für eine Forschung, die nicht im sprichwörtlichen Elfenbeinturm bzw. in der Schublade verbleibt

Auf die Idee zum Diagnostikum kam der Forscher über die Entdeckung eines neuen Zelltodes in Krebszellen (Gdynia, G. et al. The HMGB1 protein induces a metabolic type of tumour cell death by blocking aerobic respiration. Nat. Commun. 7:10764 doi: 10.1038/ncomms10764 (2016)). Ihm war aufgefallen, dass es sehr wichtig ist, zu wissen, ob in einem Tumor anaerobe Zellen entstanden sind oder nicht. Diese Zellen sind besonders resistent gegen herkömmliche Therapien und haben stammzellähnliche Eigenschaften.

Derzeit steht ein Leukämie-Testkit, das misst, ob solche Zellen bereits im Blut des Patienten vorhanden sind, kurz vor der CE-Kennzeichnung. Des Weiteren sollen 2017 Ergebnisse einer Studie bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis folgen. Parallel dazu finden Gespräche mit Investoren statt, die es ermöglichen sollen, das Test-Kit in Laboren oder Kliniken, zunächst EU-weit, dann in den USA, einzuführen. So verbleibt die Forschung nicht in der Schublade, sondern ihre Ergebnisse kommen Patienten und Kliniken zugute und sollen dank der Ausgründung zur Marktreife gelangen und ein Grundpfeiler der personalisierten Medizin der Zukunft werden.

Autorin: Jennifer Warzecha

Nachgefragt bei Georg und Marta Gdynia von EnFin:

Bitte beschreiben Sie den Vorteil Ihres Produkts in drei Worten/einem einfachen Satz.

Funktionell, leicht implementierbar, breit anwendbar. Wir sind die Einzigen weltweit, die ein Testkit anbieten, mit dem festgestellt werden kann, ob in einer Tumorprobe bereits anaerobe, das heißt ohne Sauerstoff wachsende und daher besonders bösartige, Tumorzellen vorhanden sind und welche Therapie dann konkret hilft.

Was macht für Sie ein gutes Team aus?

Für mich kann es unmöglich ein gutes Team ohne ein motivierendes gemeinsames Ziel geben. Je stärker sich die einzelnen Teammitglieder mit diesem Ziel identifizieren, desto wahrscheinlicher ist auch das Eintreten des Erfolgs. Bei EnFin ist jeder Einzelne wichtig. Dass wir alle an einem Strang ziehen, beflügelt das Projekt und macht Spaß.

Wollten Sie schon immer eine Firma gründen?

Ja, denn ich wollte schon immer die Erkenntnisse meiner medizinischen Forschung zur Anwendung bringen. Mir war klar, dass dieses Ziel nur gelingen kann, wenn ein Produkt am Markt besteht. Um das zu erreichen, musste ich bereit sein, ein eigenes Unternehmen aufzubauen.

Was raten Sie anderen Menschen, die gründen möchten, als Erstes?

Sie sollten sich fragen, ob sie mit den Herausforderungen, die mit einer Gründung einhergehen und im Alltag eines Unternehmers omnipräsent sind, schnell und gut umgehen können. Um Risiken und Chancen zumindest ein wenig im Vorfeld einschätzen zu können und nicht „klassische Anfängerfehler“ zu begehen, ist ein direkter Austausch mit erfahrenen Gründern/Gründerberatern, die es jetzt sicher schon an vielen Universitäten gibt, sehr hilfreich.