Digitale Transformation, Digitaler Wandel, Digitalisierung – ein Phänomen, viele Namen. Allein die Tatsache, dass alle drei Begriffe bei Google zusammen über 4,5 Millionen Treffer generieren, lässt erahnen, dass das Thema Durchschlagskraft besitzt. Kein Wunder also, dass die Digitale Transformation das beherrschende Thema auf dem diesjährigen Hightech Summit Baden-Württemberg war. Erstmals in diesem Jahr haben sich die landesweite IKT-Initiative „Forward IT“ und der Businessplan-Wettbewerb „CyberOne“ zusammengeschlossen und mit dem Hightech Summit ein neues Großereignis der ITK-Branche in Baden-Württemberg geschaffen.

Baden-Württemberg ist die Herzkammer der Digitalen Transformation

Um die Chancen und Risiken der Digitalen Transformation und um erfolgreich umgesetzte Digitalisierungsprojekte ging es am Vormittag auf der Landeskonferenz „Forward IT“. Im Rahmen ihrer IKT-Allianz hatte die Landesregierung auf Initiative des Wirtschafts- und Wissenschaftsministeriums die „Forward IT“ vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Peter Hofelich, Staatssekretär im Ministerium für Finanzen und Wirtschaft, eröffnete denn auch den Reigen prominenter Redner aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena.  

Im Rahmen seiner Standortbestimmung stellte er dem Südwesten ein gutes Zeugnis aus: „Die Herzkammer der Digitalen Transformation ist in Baden-Württemberg“, sagte Peter Hofelich im Rahmen seiner Eröffnungsrede. Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim seien Epizentren der Digitalisierung. Anders als der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger, der ebenfalls zu den Rednern des Hightech Summit gehörte, glaubt Hofelich nicht, dass Deutschland im Wettrennen um die Digitalisierung abgehängt sei. „Deutschland liegt im oberen Mittelfeld – und alle Plätze sind in diesem Umfeld eng beieinander.“

Alte Geschäftsmodelle zerschlagen, damit etwas Neues entstehen kann

Aber er betonte auch: „Mittelfeld ist nicht unser Anspruch. Wir wollen die Spitzenposition übernehmen“. Entscheidend sei, die Anwenderbranchen in Zukunft noch stärker in Digitalisierungsinitiativen einzubeziehen. „Die Digitalisierung betrifft nicht nur die ITK-Wirtschaft, sondern zunehmend auch Handel, Handwerk und den klassischen Mittelstand. Wir haben die gute Abstimmung zwischen Herstellern und Anwendern im Blick und sehen hier auch ein besonderes Merkmal Baden-Württembergs“, so Peter Hofelich. Auch Jan Wiesenberger, Vorstand des FZI Forschungszentrums Informatik, sieht es als wichtige Aufgabe, die Einstiegshürden für den Mittelstand zu senken. „Es gilt jetzt, vor allem auch solche Unternehmen anzusprechen, die noch keine so hohe Affinität zu IT-Themen haben.“ Die Landesregierung geht hier mit gutem Beispiel voran und hat mit dem Digitalen Innovationszentrum (DIZ) in Karlsruhe eine neue Anlaufstelle geschaffen.

Wie der Mittelstand von der Digitalen Transformation profitierten kann, zeigte Birte Hackenjos von der Haufe Gruppe. Das Freiburger Unternehmen beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit dem Thema Digitalisierung und hat sich in dieser Zeit vom klassischen Fachverlag zum digitalen Content-Anbieter gewandelt. Zwei Faktoren haben aus Sicht von Birte Hackenjos, COO bei der Haufe Gruppe, diesen Erfolg begründet: „Wir sind das Thema aus dem Wollen heraus angegangen, nicht aus dem Müssen.“ Zusätzlich ist Haufe etwas gelungen, womit sich andere Unternehmen schwer tun: „Man muss im Zweifel das eigene Geschäftsmodell erst einmal zerschlagen, um es dann in die Zukunft zu tragen“, so die Juristin. Haufe betreibt heute unter anderem crossmediale Content-Plattformen.

Klassische Industrien bekommen neue Konkurrenz

Warum es neben dem richtigen Geschäftsmodell auch tragfähige Umsetzungskonzepte braucht, um Veränderungen schnell und wirksam in bestehende Abläufe zu integrieren, erklärte Dr.-Ing. Edwin Tscheschlok, Vorsitzender der Geschäftsführung der GIGATRONIK-Gruppe: „Der Trend hin zu smarten Produkten betrifft jeden. Smart bedeutet, die IT ist ein Teil des Produktes und das Produkt wird zu einem Teil von Produktsystemen.“ Für Tscheschlok heißt das aber auch: Die klassischen Industrien dürfen sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. „Ein Automobilbauer ist nicht automatisch auch der beste Anbieter für Elektrofahrzeuge“, mahnte er. IT-Unternehmen dringen immer mehr in traditionelle Branchen vor. Das belegen die Ambitionen von Google und Apple im Bereich autonomes Fahren.

Die meisten baden-württembergischen Firmen seien auf dem richtigen Weg, so der Tenor der Fachvorträge auf der „Forward IT“. Beispiel Bosch: Das einstige Industrieunternehmen hat schon früh auf Sensortechnik gesetzt und 2005 eine eigene Sensor-Tochter gegründet. „Heute nutzen drei von vier Smartphones weltweit Bosch Sensortec Sensoren“, sagte Dr. Stefan Finkbeiner, CEO der Bosch Sensortec GmbH, nicht ohne Stolz. Und auch SAP, Baden-Württembergs Aushängeschild unter den IT-Unternehmen, hat die Digitalisierung erfolgreich vorangetrieben: „Über lange Zeit hatten wir genau ein Geschäftsmodell: den Verkauf von Lizenzen. Heute bilden Angebote für die Cloud, die Managed Cloud und Business Networks einen wesentlichen Bestandteil unserer Umsatzes“, erklärt Dr. Uli Eisert, Head des Research & Innovation Hub St. Gallen bei der SAP.

Geschäftsprozesse: Kein Stein bleibt auf dem anderen

Dass SAP so erfolgreich aus der Digitalen Transformation hervorgegangen ist, verdankt es auch der Tatsache, dass es Geschäftsmodellinnovation als strategische Aufgabe begreift. „Unternehmen sollten nicht nur Produkt- und Serviceinnovation betreiben, sondern auch Geschäftsmodellinnovation“, so Uli Eisert. Ein Satz, den auch seine Kollegin Dr. Tanja Rückert unterschreiben würde. Dass die Unternehmen sich selbst, ihre Prozesse und Wertschöpfungsketten immer wieder neu erfinden, sei heute dringender notwendig denn je, sagte sie in ihrer Eigenschaft als Executive Vice President Internet of Things & Customer Innovation bei SAP.

Nicht nur Prozesse, sondern ganze Unternehmen können vom Markt verschwinden, wenn sie die Zeichen der Digitalisierung nicht erkennen. Als Negativbeispiele fielen auf dem Hightech Summit immer wieder dieselben Namen: Nokia, Eastman Kodak, Commodore – einst erfolgreiche Unternehmen, die ihr Erfolg dazu verführt hat, allzu lange an bewährten Geschäftsmodellen festzuhalten. Wohin eine solche Mentalität führen kann, führte Günther Oettinger dem Publikum vor Augen. In seiner Keynote fand der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft klare Worte für den Status quo im Südwesten: Zwar gebe es hier exzellente Technologien, aber im Großen und Ganzen habe Deutschland und Baden-Württemberg eine digitale Unterlegenheit, so der ehemalige Ministerpräsident.

Technologieführer im Südwesten müssen sich zusammentun

Mehr noch: Amerikanische Technologiekonzerne wie Google oder Apple könnten ihre digitale Überlegenheit nutzen, um langfristig auch industrielle Überlegenheit zu erlangen, so Oettinger. Dagegen helfe nur eins: eine grenzüberschreitende digitale Infrastruktur für ganz Europa und einheitliche Datenschutzrichtlinien. Am Ende gab sich der Europapolitiker aber dann doch versöhnlich: Wenn man die einzelnen Zentren der ITK-Wirtschaft im Südwesten miteinander verbinde, ergebe das ein exzellentes Cluster, das sogar dem Silicon Valley etwas voraushabe: eine leistungsfähige Industrie, mit der es sich zu kooperieren lohnt.

Dass Kooperation fast immer besser ist als Einzelkämpfertum, gab Rolf Heiler den Besuchern des Hightech Summit mit auf den Weg. Der frühere Softwareunternehmer und heutige Filmproduzent belegte 1998 den dritten Platz beim Businessplan-Wettbewerb CyberOne, und sprach in der Rhein-Neckar-Arena über die Zeit danach. In diesem Jahr wurde die begehrte Trophäe zum 16. Mal vergeben. Nachdem die Landeskonferenz ihre Pforten geschlossen hatte, ging es in Sinsheim fast nahtlos mit der Preisverleihung des CyberOne Award weiter. Auf dem Siegerpodest standen diesmal mit der cytena GmbH aus Freiburg und der DIE LIGEN GmbH aus Stuttgart ein Biotech-Start-up und ein Medienunternehmen. cytena erhielt den ersten Preis für ihren Einzelzelldrucker, der biologische Zellen, wie sie in der medizinischen Forschung genutzt werden, automatisch isoliert.

CyberOne prämiert die besten Businesspläne 2015

Das Team von DIE LIGEN wurde für seine Softwarelösung DerbyExpress ausgezeichnet, mit der sich die sehr aufwändigen Prozesse bei der Post-Produktion von Videofilmen komplett automatisieren lassen. Auf dem zweiten Platz folgte in der Kategorie „Start-up“ die Stuttgarter EKU Power Drives GmbH. Sie konnte die Jury mit einem elektrischen Antriebssystem für industrielle Anwendungen überzeugen. Den zweiten Platz in der Kategorie „Wachstum“ erhielt die DER PUNKT GmbH für ihre Softwarelösung RichmediaPlus, mit der Unternehmen auch ohne Programmier- und Technikkenntnisse professionelle Videopräsentationen  selbst erstellen können.

10.000 Euro Preisgeld durfte jeder der Sieger mit nach Hause nehmen, 5.000 Euro waren es für die Zweitplatzierten. Außerdem erhalten alle Preisträger wertvolle Sachleistungen – unter anderem einen professionellen Imagefilm und einen Patent-Check-up. Die wichtigsten Vorteile, die ein Sieg beim CyberOne mit sich bringt, sind aber mit Geld nicht aufzuwiegen. Das bestätigte Rolf Heiler, dessen Gründungsprojekt mit der CyberOne-Teilnahme erst so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Das bekräftigte auch Christopher Fuhrhop von der Firma Restube, der mit seiner Geschäftsidee im vergangenen Jahr den ersten Platz errungen hatte. „In der Zwischenzeit haben wir eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen, unseren Umsatz stark gesteigert und eine weitere Finanzierungsrunde steht aktuell an“, so der Gründer. Das dürfte all jenen Mut machen, die mit ihren innovativen Ideen die Digitale Transformationen in Baden-Württemberg jeden Tag ein Stückchen voranbringen.

 

Autorin: Michaela Kürschner

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